Wednesday, July 15, 2009

reformierte Spiritualität

Der liebe Stefan zitierte (zum Nachdenken) einen gewissen Peter Scazzero, der die Entwicklung einer gesunden Gebetshaltung in vier Schritten beschreibt. Jeder Schritt bedeutet eine qualitatives geistliches Wachstum. Am Ende steht, dass man in Gottes Gegenwart verweilt und nichts sagt.

Ich habe nachgedacht und es regt mich an ein anderes Zitat zu bringen, das in eine andere Richtung weist und meine (reformierte) Tradition der Spiritualität eher entspricht:

"In den mystischen und kontemplativen Traditionen, ist das Ziel die Union mit Christus. Union mit Christus geschieht durch ein Muster von geistlichen Übungen oder eine Reihe von geistlichen Ebenen. Das Bild von einem Leiter wird oft verwendet. Doch die Spiritualität des Evangeliums ist dem entgegengesetzt: Union mit Christus ist nicht das Ziel der Spiritualität, sondern die Grundlage der Spiritualität. Sie wird nicht erreicht durch Übungen oder Ebenen, sondern wird geschenkt durch den kindlichen Glauben."
Steve Timmis und Tim Chester, Total Church, S. 139. (Üs. S.S.)


Scazerro will es bestimmt nicht so, aber seine vier Schritte wirken für mich elitär, weil ich nicht auf seine Etage bin. Ich habe Freunde, die von Zeiten der absoluten Stille profitieren. Das sei denen herzlich gegönnt. Ich werde eher kirre dabei und brauche das, was mir andere beigebracht haben, etwa wie Psalmen oder formulierte Gebete. Vielleicht denkt Scazzero, dass ich noch unreif bin (wohl auf der ersten Stufe!). Wird schon stimmen. Aber bis ich reifer bin, muss ich wohl mit meiner Bibel und angefochtenem Glauben auskommen, bis Gott alles in allem wird.

Thursday, July 02, 2009

Freiheitswahn

Pirate-Bay, ein Film und Musik Raubkopie-Webseite (vornehm: Tauschbörse), von pubertierende Schweden gegründet, ist für 30 Millionen Kronen verkauft worden an irgendeine Firma. Die Gründer haben sich als Befreier dargestellt, die sich gegen globale Konzerne durchsetzen, um die arme, mittellose Jugend zu schützen vor den unverschämten Preisen von CDs und DVDs.

Mit dem Verkauf von Piratebay ist der Freiheitsruf enttarnt als doch bloßes Selbstbehauptungsmanöver – die Gründer haben sich ohnehin durch die Werbeeinnahmen bereichert und nun sitzen sie da mit gefüllten Bankkonten. Ein Blogger druckte es schön aus: „Alles ist käuflich, auch eure Pseudointegrität“ (Quelle: FAZ heute).

Ein weiterer Freiheitsruf, die ich mit zunehmender Skepsis begegne, ist die Blockade der Sperrung von rechtswidrigen Internetseiten. Ich habe zahlreiche blogs gelesen, die gegen die Gefahren eines totalitären Staats warnen und mit dem neuen Gesetzesentwurf die Wiederbelebung des Stasis oder der Anfang von Chinas geplanter „Grüner Damm“ sehen.

Diese Gefahr ist m.E. eine mögliche, aber: wenn man zuerst die Vorstellung des Internets als rechtsfreie Zone ablehnt und zweitens anerkennt, dass der Rechtsstaat (im Unterschied zur, etwa, Anarchie) eine sinnvolle Regelung für das Zusammenleben vieler Menschen ist, dann fehlen alle Argumente für eine Position, die eine gewisse Rechtsregelung des Internets in Frage stellt.

Es besteht die Gefahr, dass die Sperrung auf völlig legitime Meinungen ausgedehnt wird. Aber doch genau die gleiche Gefahr besteht bei einem Staat, der Polizisten beauftragt und eine Rolle für die Justiz vorsieht. Die Justiz kann schief gehen, Internet-Sperrungen können schief gehen. Aber daraus den Schluss zu ziehen, beide sind unnötig, ist zu kurz gedacht.

Der Staat hat die Pflicht, solche Sperrungen von dubiösen Internetseiten zu vollziehen, genauso wie Polizisten für Ordnung und Schutz der Bevölkerung sorgen.

Wednesday, May 20, 2009

schwach

Rom, ca. 1. - 3. Jhd:


Hessen
, Germany 2009:


Christen sind schwach. Wenn Menschen sie oder ihr Glauben diffamieren, dann wehren sie sich nicht. Sie organisieren kein Fatwa, untersagen einen heiligen Krieg, und lassen sich ins Gesicht spucken, weil sie dem Friedefurst nachfolgen.

Thursday, May 14, 2009

Den Menschen zulassen - über die Genese von Homosexualität

Evolutionsbiologisch gesehen, ist das Phänomen homosexuelles Verhalten keine Selbstverständlichkeit, aufgrund des eindeutigen Selektionsnachteils. Doch ist die populärwissenschaftliche Darstellung der biologischen Evolution oft zu oberflächlich um viele Phänomene der Natur zu erklären.

Darum suchen Wissenschaftler komplexere Modelle um die Genese der Homosexualität zu verstehen. In der "Ursachenforschung" der Homosexualität gibt es zwei Hauptströmungen, die sich nicht gegenseitig ausschließen, doch eine unterschiedlichen Schwerpunkt aufweisen.

Die einen finden eine biologisch-genetische Erklärung am Plausibelsten. Zwillingsforscher Michael Bailey behauptet, dass die „Suche nach angeborenen Ursachen einen stetigen Zuwachs an Evidenzen [zeigt].“ (Atkinson, Einführung in die Psychologie, 378).

Dagegen messen andere eine entwicklungspsychologische Erklärung eine höhere Plausibilität zu. Etwa Daryl Bem schätzt den Einfluss der Umwelt viel höher ein als den Einfluss der Gene. Seine exotic becomes erotic-Theorie
liefert eine Erklärung sowohl für das Überwiegen von Heterosexualität als auch für das Vorkommen von Homosexualität in der Gesellschaft: Homosexualität sei Folge einer „ausbleibenden Geschlechtskonformität“ in der Kindheit (Atkinson, Einführung in die Psychologie, 378). Die EBE-Theorie behauptet, dass das, was uns in der Kindheit Verachtung bzw. Besorgnis bereite (d.h. das uns fremde Geschlecht), in späteren Jahren erotisch anziehend wirke.

Beide Strömungen der Forschung widerspiegeln eine generelle Differenzierung innerhalb der Wissenschaft als Ganzes, die bei vielen Phänomenen entweder der Umwelt oder den Genen eine höhere Bedeutung zumessen. In der Tat sind beide Ursachen nicht voneinander zu trennen - genetische Unterschiede bedingen psychosoziale Entwicklung. Das „Anders-Sein“ im Vergleich zur Umwelt wird durchaus von genetischen und hormonellen Faktoren beeinflusst, da Temperament und Persönlichkeit(selbst zum Teil genetisch bedingt) die Aktivitätspräferenzen bestimmen, die ein Kind „nicht-konform“ machen können. Ein Mädchen ist etwa für andere Mädchen „nicht-konform“ wenn sie die für ihre Kultur typischen Jungen-Aktivitäten immer wieder bevorzugt.

Francis Collins fasst zusammen, dass sexuelle Orientierung in diesem Sinne „genetisch beeinflusst" sei, "aber nicht durch die DNA programmiert“ sei (Gott und die Gene, 212).

Es versteht sich von selbst, dass in einer Situation, wo renommierte Wissenschaftler uneinig sind über die genaue wissenschaftlich wahrnehmbare Ursachen der Homosexualität, dass es unredlich ist, sich dogmatisch über die Ursachen zu äußern. Gerade deswegen bedarf es der Wissenschaftsfreiheit, dieses naturwissenschaftliches Phänomen zu verstehen.

Bei diesem eher trocken-sachlichen Beitrag ist es vonnöten, eine ganz andere Perspektive Raum zu geben. Wer mag es, wenn über einem in der 3. Person geredet wird? Welchem heterosexuellen Paar gefällt es, eine psychosoziologische oder biologische Erklärung ihrer Ehe zuzuhören?

Es ist m.E. nötig, die persönliche Perspektive nicht auszublenden. Wie erfahren Menschen, die sich als homosexuell bezeichnen, ihre Homosexualität? Was für eine Rolle hat es in ihrem Leben gespielt? Empfinden sie ein Wunsch nach Veränderung? Oder empfinden sie Freude darüber, dass es so ist, wie es ist? Hier bedarf es auch die Meinungsfreiheit, eine Pluralität an Erfahrungen zuzulassen und keine von den anders Empfindenden zum Schweigen zu bringen.

In diesem Sinne, während ich mich von allen fundamentalistischen, lieblosen, menschenverachtenden Positionen distanziere, die bedauerlicheweise auch von sogenannten Christen zu hören gewesen waren bzw. sind, möchte ich für das Zulassen des APS-Kongress plädieren, um der Wissenschaftsfreiheit willen aber vor allen um der Menschen willen - weil die Erfahrung des Einzelnen zugelassen werden muss.

Monday, May 11, 2009

Marburg umpolen?

Gestern, mit einer Nacht un Nebel Aktion, haben (höchstwahrscheinlich nicht-offizielle, also "autonome") APS-Kongress-Gegner sowohl ihre intellektuelle Redlichkeit als auch ihre liebevolle Charm bewiesen indem sie etliche Häuser der Dürerstraße mit einfarbigen Graffitislogans geziert haben.

Warum man mit dem aufgebrachten Unverständnis der ganz normalen Ortenberg-Einwohner eine "Umpolung" der Stadt zugunsten der eigenen Meinung herbeiführen zu können glaubt, bleibt mir verborgen. Ein Hinweis auf die mögliche Strategie dieser jungen "Wissenschaftler" könnte in dem nebengesprühten Anarchie-Logo zu finden sein.

Nietzsche hatte also Recht: die ganze Welt ist Wille zur Macht - und wen man nicht durch Argumente und Verstand überzeugen kann, kann man vielleicht durch Aggression und Einschüchterung Menschen in die Ecke zwingen.

So sieht's aus. Aber wer Christ ist, macht nicht mit. Wir lassen uns lieber überrollen, als zur Machtmittel zu greifen. Unser Botschaft an die Graffiti-Sprüher:

Gott segne dich!

Monday, April 20, 2009

Christen müssten...

Über das Wochenende waren wir bei Freunden im Osten Deutschlands. In der Gemeinde hörten wir eine Predigt über die Jünger auf dem Weg nach Emmaus (Lk 24). Am Anfang knüpfte der Prediger an unsere Gefühle der Enttäuschung und Ohnmacht an - das Gefühl, dass Ostern schon gewesen ist, aber nichts hat sich verändert.

So gesehen, ist die Geschichte von den Emmausjünger auch unsere Geschichte. Doch dann nahm die Predigt eine m.E. tragische Wende. Die Hauptaussage, die immer wieder durchklang war: wir müssten eigentlich viel mehr Ausstrahlung haben - wenn Menschen zum Glauben kommen sollen, dann müssen Christen so und so sein - "ich lese neulich ein Buch von Herr X, und er meinte, dass Atheisten in den neuen Bundesländer sich nur bekehren wenn Christen..."

Es stimmt vielleicht alles. Aber es steht nicht im Text.

Viele Predigten misslingen, weil sie das Ziel des Autors / des Textes nicht berücksichtigen. Wenn jemand mir zeigt, dass es das Ziel von Lukas 24 ist, enttäuschte, ohnmächtige Menschen zu ermahnen: "du müsstest eigentlich mehr Kraft haben", dann nehme ich alles zurück... doch ich meine, dass es das Ziel des Textes ist, die Auferstehung zu verkünden - sprich: Menschen davon abzulenken, ihr eigenen geistlichen Puls zu messen und ihre Aufmerksamkeit auf Gottes Kraft zu lenken. Die neutestamentliche Aufforderung "sei voll Freude" geschieht im Zusammenhang von Gründen. Mehr neutestamentlich klingt: "Sei voll Freude weil..."

Eine Predigt-These
Ich behaupte, dass in einer guten Predigt die Absichten des Predigers analog sind mit den Absichten des Text-Autors, unter Berücksichtigung der Unterschiede zwischen den ursprünglichen Zuhörer und den heutigen Zuhörer.

Schlichter gesagt: Wenn der Text verunsicherte Christen ermutigen will, dann soll die Predigt die verunsicherten Christen heute ermutigen; wenn der Text Lauwarmen warnen will, dann soll die Predigt heutigen Lauwarmen warnen. usw.

So vermeidet man manch einer unangebracht gesetzlichen, herunterziehenden Predigt. Die Botschaft für ohnmächtige Jünger ist nicht "try harder", sondern Trost und Zuspruch: der etwas verborgene Herr will dich durch die Schrift dein Herz entflammen, der Herr ist auferstanden und seine Geschichte geht weiter!

Wednesday, March 25, 2009

Geht Gott ein Risiko ein?

In einem Andacht wurde die These aufgestellt: "Gott ging ein Risiko ein". Gott wollte, dass Menschen sich bekehren als Jesus predigte, aber er wusste nicht, ob es klappen würde. Er ging ein Risiko ein und es endete am Kreuz. Gott habe trotzdem was schönes daraus gemacht (denk: Auferstehung), aber Gottes Versuch, was zu machen, war mit Risiko behaftet.

Ich halte dieser Gedanke für falsch. Ich verstehe, warum man diese Zuspitzung formulieren will - warum man ein all zu kühle, kalkulierte System-vorstellung von Gott als Marionettenlenker ablehnen will - warum man die Leidenschaft und Trauer Gottes betonen will (Hosea 11 winkt dem Apathie-axiom "goodbye"). Für diesen Protest habe ich Verständnis.

Doch zu sagen, Gott ging ein Risiko ein, heißt: Gott hat es nicht in der Hand, der Tod Jesu war nicht geplant, es ist "halt" passiert. Dies will ich entscheidend widersprechen. Hier will ich lediglich ein paar andere thematische Linien des NTs erwähnen:

Die Leidensankündigungen Jesu ("Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden"; Mk 8,31)

Die Rede von Jesu "Stunde" im Johannesevangelium.

Die Predigten und Gebete in der Apostelgeschichte ("Diesen Mann, der durch Gottes Ratschluss und Vorsehung dahingegeben war, habt ihr durch die Hand der Heiden ans Kreuz geschlagen" Apg 2,23; vgl. unbedingt 4,23-30).

Man könnte diese Linien des NTs bestreiten wollen, indem man über einen gewissen Unterschied redet zwischen der vor- und nachosterlichen Form der NT-Tradition. Demzufolge wäre die volle Zuspitzung der Ankündigungen und Predigten theologische Reflexion über den Tod Jesu.

Ich finde ein Jesus ohne messianisches Bewusstsein unplausibel und darum glaube ich, dass die Leidensankündigungen auch historischen Ursprung haben. Aber egal ob man meine Meinung teilt oder nicht in der Frage, muss man gestehen, dass die Autoren des NTs auf jeden Fall der Tod Jesu als etwas geplantes darstellen, als etwas, was sein Ursprung im Willen Gottes hat.

Der Tod Jesu war kein unvorhersehbarer Unfall, sondern Wille Gottes. Gerade dies soll die verfolgte, gepeiltschte Aposteln trösten, wenn auch sie Verfolgung erleben (Apg 4,23ff).